Vom‚ armen Jungen‘ zum Pionier der Historischen Migrationsforschung

Migration macht vielen Menschen Angst, sagt Klaus J. Bade in der autobiographischen Einführung seines neuen Buches. Für den Historiker und Migrationsforscher aber ist der Mensch ein ‚Homo migrans‘, ohne den die Welt nicht so wäre wie sie heute ist. Massenwanderungen gehören zu den Grunderfahrungen der Menschheitsgeschichte. „Trotz wachsender Akzeptanz gesellschaftlicher Vielfalt neigten Ende 2017 rund 39 Prozent der im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung befragten Deutschen zu antipluralistischen Aussagen“, so Bade, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass die Forschung zu Migration und Integration, zu Minderheiten, Flucht und Asyl in Deutschland verspätet, aber stark voranschreiten konnte.

Mitte Mai 2018 erscheint ein neues Buch des berühmten, dann 74jährigen Forschers und Publizisten. Sein etwa 370 Druckseiten starkes neues Buch erscheint nun als Sonderband der Mannheimer Zeitschriftenreihe ‘Historical Social-Research’ (HSR). Im wissenschaftlich-autobiographischen ersten Teil des Buches skizziert Bade seinen Weg zur Historischen Migrationsforschung. Der zweite Teil bietet eine Auswahl seiner wissenschaftlichen Beiträge dazu. Sie erörtern Konzept- und Methodenfragen, bieten epochenübergreifende Perspektiven und diskutieren zeithistorische sowie aktuelle Fragen von Migration, Flucht und Integration.

„Familiengeschichte als Migrationsgeschichte“
Der autobiographische Teil des Buches gliedert sich in zehn Abschnitte. Im ersten Abschnitt überblickt Bade seine „Familiengeschichte als Migrationsgeschichte“, die sein Gespür für Migrationsfragen weckte und intensivierte. Er beschreibt, wie einige seiner Vorfahren aus Hessen teils nach Frankreich, teils in die USA, nach Australien, ins Ruhrgebiet sowie ins Elsass aus-, weiter- oder auch zurückwanderten. Migration war in Bades Jugend oft auch eine Verlusterfahrung. Tragisch erscheint dem Leser beispielsweise im zweiten Abschnitt des autobiographisc-hen Teils die erste Begegnung von KJB nach seiner Promotion mit dem aus einer preußisch-polnischen Migrantenfamilie stammenden, ihm bis dahin nicht persönlich bekannten Vater. (Vater: „Sie sind also mein Sohn, dann könnten wir uns eigentlich duzen!“ – Sohn: „Einverstanden!“.) Ergreifend ist auch die Erinnerung, dass er sich in seiner Kindheit nach Familienbezügen sehnte, selbst nach „väterlichen Ohrfeigen“, die er bei seinen Spielkameraden manchmal beobachtete. Denn er wurde von den Großeltern in einem winzigen Dorf im hessischen Burgwald aufgezogen, ohne leiblichen Vater und später auch ohne die Mutter, die mit dem Stiefvater nach Nürnberg gezogen war, weshalb er in seinem Dorf, mit dem ihn eine „Hassliebe“ verband, als der „oohme Jonge“ („arme Junge“) galt. Identitätssuche, Migrationsprobleme und Integra-tionsfragen führen wie ein roter Faden durch das Buch.

Bade beherrscht die Kunst, den Leser mit einer Mischung aus Selbstironie und Humor zu fesseln. Humorvoll zu lesen sind zum Beispiel die Schilderung des ersten Schultags in der noch immer von Ruinen übersäten Großstadt Nürnberg, wohin er im zehnten Lebensjahr geholt wurde, oder die Erinnerung an ein interkulturelles Missverständnis, das ihm in der neuen Heimat zuerst einmal eine Tracht Prügel von Gleichaltrigen eintrug. Eine typische Erfahrung für Neuankömmlinge bzw. Migranten ist – auch heute – oft das Problem, Beziehungen zu Einheimischen aufzubauen. Diese Erfahrung machte auch Klaus J. Bade in seiner Kindheit. Auch Bildung bzw. Schule können zu den schwierigen Herausforderungen für Menschen mit Migrationserfahrung gehören. Vor allem Startschwierigkeiten und verspätete Bildungserfolge gehören dabei nicht selten zum Alltag von jungen Migranten. Bades Erinnerungen bestätigen dies, auch wenn es in seinem Falle nicht um transnationale, sondern um interne Migration ging – vielleicht ein Grund, weshalb er Jahrzehnte später seine Konzepte zur ‚Nachholenden Integrationsförderung‘ entwarf?
Bade stellt fest, dass sich in der Debatte um Migration, Integration, Flucht und Asyl vieles seit langem im Kreise dreht. Die Diskussionen und Vorurteile wiederholen sich in bestimmten Abständen. Das führt manche wissenschaft-liche und publizistische Akteure in die Resignation. Es frustriert auch den Migrationsforscher, Politikberater und kritischen Politikbegleiter Bade. Dass die Bekämpfung von Fluchtursachen, die eine zentrale Stellung einnehmen müsste, nach wie vor vernachlässigt wird, enttäuscht nicht nur ihn. Umgekehrt bezeichnet Bade Deutschland aber auch als den demographisch „kranken Mann Europas“. Denn nach Schätzungen verlassen Deutschland jährlich 140.000 oft gut qualifizierte Abwanderer, von denen ca. 80.000 dem Land dauerhaft den Rücken kehren.
Den Staffelstab weiterreichen

Bades Buch nimmt den Leser mit auf eine autobiograp-hische Zeitreise durch seine Lebensstationen vom ‚armen Jungen‘ zum Forschungspionier, Publizisten, Politikbater und Politikritiker. Er bleibt dabei ein konzeptorientierter und konstruktiv denkender Wissenschaftler, der nicht Probleme beklagen, sondern im Rahmen des Möglichen durch deren kritische Analyse und durch wissenschaftlich fundierte Vorschläge zu ihrer Lösung beitragen möchte. Bleibt zu hoffen, dass die Nachfolger/innen von Bade, an die er den „Staffelstab“ weitergereicht hat, seine Pionierarbeit engagiert fortführen werden.
Klaus J. Bade, Historische Migrationsforschung. Eine autobiografische Perspektive. Historical Social Research (HSR), Supplement 30, GESIS: Köln, Mai 2018, ISSN 0963-6784, 366 S., € 15.- (inkl. MwSt. u. Versand).

TEILEN
Vorheriger ArtikelDADALOĞLU
Nächster ArtikelAvrupa’da Türk Medyası